Wissen

Neurogastroenterologie: Ein zweites Gehirn in unserem Bauch?

Häufig ist vom sogenannten „Bauchgefühl“ die Rede, „etwas schlägt einem auf den Magen“, manchmal entsteht auch ein „ungutes Gefühl in der Magengegend“ – alles Synonyme für ein spannendes medizinisches Spezialgebiet: die Neurogastroenterologie. Im Interview gibt Prof. Dr. Christian Pehl Einblicke in die Grundlagen, in das enterische Nervensystem sowie in eine der typischen Krankheiten – das Reizdarmsyndrom.

Bei Neurologie denkt man ja eher an den Kopf als an den Bauch. Nun gibt es aber einen medizinischen Fachbereich, der Neurogastroenterologie heißt. Worin besteht die Verbindung von Neurologie und Gastroenterologie, und was bedeutet Neurogastroenterologie?

Unter Neurogastroenterologie versteht man die Erforschung und Behandlung von bestimmten Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt. Allen gemein ist eine Störung des Nervensystems des Magen-Darm-Trakts, des sogenannten enterischen Nervensystems. Typische neurogastroenterologische Erkrankungen sind Schluckstörungen, Refluxerkrankung, Reizmagen, Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung sowie Stuhlinkontinenz. Neurogastroenterologische Erkrankungen betreffen etwa zwanzig bis dreißig Prozent aller Menschen.
 


Wo befindet sich das enterische Nervensystem, und welche Funktion hat es in unserem Körper?

Das enterische Nervensystem befindet sich in allen Abschnitten des Magen-Darm-Trakts: von der Speiseröhre über den Magen, den Dünn- und den Dickdarm bis hin zum Enddarm. Es steuert den kompletten Funktionsablauf der Verdauung – inklusive Schlucken, Verdauung im Magen sowie im Dünn  und Dickdarm und der (Stuhl-)Entleerung nicht verwertbarer Nahrungsbestandteile. Diese Verdauungsleistung bedarf eines hoch komplexen und fein abgestimmten Zusammenspiels der Schleimhautzellen, der Verdauungsdrüsen sowie der Muskulatur des Magen-Darm-Trakts. All diese Funktionen werden durch das enterische Nervensystem koordiniert.

Da die Zahl der Nervenzellen und die Komplexität der Verknüpfungen untereinander vergleichbar zu unserem Gehirn sind, wird das System auch als „Bauchgehirn“ bezeichnet. So wie unser Gehirn das zentrale Steuerorgan für all unsere Sinneseindrücke und Muskeln im Körper ist, steuert das enterische Nervensystem die Empfindungen und Muskeln im Magen-Darm-Trakt.
 


Umgangssprachlich wird gerne vom „Bauchgefühl“ gesprochen. Was hat es damit aus medizinischer Sicht auf sich? Ist dafür unser enterisches Nervensystem verantwortlich?

Häufig treffen wir Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“. Aus neurogastroenterologischer Sicht wird vermutet, dass die Hirn-Bauch-Achse („Brain-Gut-Axis“) eine Rolle für diese Entscheidungen spielt. Wenn wir uns unwohl fühlen oder gestresst sind, dann wirken diese Stressfaktoren auf das enterische Nervensystem im Magen-Darm-Trakt ein. Das passiert über die Nervenverbindungen der Hirn-Bauch-Achse. Die negativen Gefühle fließen sozusagen vom Kopf in den Bauch. Die Funktionen im Magen-Darm-Trakt können gestört werden – mit Auftreten von Schmerzen, Krämpfen, Blähungen und eventuell auch Durchfall. Diese Störungen im Bauch werden wiederum an das Gehirn zurückgemeldet: über die Nervenverbindungen, freigesetzte Hormone und Neurotransmitter (Nervenbotenstoffe) aus dem Magen-Darm-Trakt. Der Bauch ist mit der (geplanten) Entscheidung des Gehirns also nicht glücklich, ein schlechtes „Bauchgefühl“ entsteht. Umgekehrt wird dem Gehirn natürlich auch mitgeteilt, wenn im Magen-Darm-Trakt alles rund läuft. Wir entscheiden uns dann für die Alternative, für die unser „Bauchgefühl“ spricht.
 


Lassen sich auf diesen Zusammenhang auch psychosomatische Erkrankungen zurückführen?

Die Hirn-Bauch-Achse wird durch Stress und insbesondere durch chronischen Stress beeinflusst. Das erklärt, warum bei neurogastroenterologischen Erkrankungen neben organischen immer auch psychosomatische Ursachen abgeklärt werden müssen. Mögliche psychosomatische Mitursachen sollten dann im Therapiekonzept berücksichtigt werden. Aber auch umgekehrt beeinflusst das „Bauchgehirn“ das Gehirn im Kopf und sorgt für eine bestimmte emotionale Bewertung der Beschwerden. Die chronischen Beschwerden im Bauchraum können somit Auslöser von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen sein.
 


Die Leiterkrankung bei Störungen im enterischen Nervensystem ist das Reizdarmsyndrom. Wie äußert sich diese Erkrankung, und warum gibt es keine spezifischen Behandlungsmethoden?

Das Reizdarmsyndrom bezeichnet bereits in seinem Namen die Beschwerdesymptomatik: Die Verdauung läuft unkoordiniert und nicht mehr unbewusst ab. Dazu treten Durchfall oder Verstopfung in Verbindung mit Schmerzen und auch Blähungen auf. Man unterscheidet den Durchfalltyp, den Verstopfungstyp, den wechselnden Typ (einmal Durchfall, ein anderes Mal Verstopfung) sowie die reinen Bläh- oder Schmerztypen. Die neurogastroenterologische Forschung konnte nachweisen, dass beim Reizdarmsyndrom eine Mikroentzündung im Bereich des enterischen Nervensystems besteht. Hierdurch kommt es zu einer Störung der Nervenfunktion im Magen-Darm-Trakt. Typischerweise verstärkt wird dieser „Reizzustand“ durch die Mahlzeiten – insbesondere bei Vorliegen einer Nahrungsmittelunverträglichkeit. Gerade nach einer Mahlzeit soll die Funktion der Verdauung ja auf Hochtouren laufen.

Derzeit gibt es noch kein Medikament, das die Mikroentzündung ausheilen kann. Allerdings bieten wir im Zentrum für Neurogastroenterologie eine Vielzahl von Therapieoptionen, um den Beschwerdekomplex des Reizdarmsyndroms zu lindern. Möglicherweise verschwindet er sogar ganz. Das schließt auch interdisziplinäre Therapieoptionen wie den Einbau eines Magen- oder Kreuzbeinschrittmachers ein.
 


In welchen Fällen wird in anderen medizinischen Fachbereichen ein auf Neurogastroenterologie spezialisierter Arzt hinzugezogen?

Eine neurogastroenterologische Abklärung empfiehlt sich immer dann, wenn der Hausarzt oder der niedergelassene Gastroenterologe (Magen-Darm-Spezialist) die Beschwerden mit ihren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten nicht ausreichend beseitigen können. Auch der Viszeralchirurg, ein auf Operationen im Bauchraum spezialisierter Chirurg, benötigt vor und nach operativen Eingriffen am Magen-Darm-Trakt nicht selten den Neurogastroenterologen. Mit seiner Spezialdiagnostik ist er an einer optimalen OP-Planung beteiligt, da jede Operation im Magen-Darm-Trakt die koordinierten Abläufe der Verdauung stören kann.
 


Kann man selbst etwas tun, um neurogastroenterologische Erkrankungen oder Störungen zu vermeiden?

Das enterische Nervensystem kann zwar die Funktionen des Magen-Darm-Trakts unabhängig von unserem Gehirn steuern. Das bedeutet aber nicht, dass es unabhängig vom Gehirn arbeitet. Unser Gehirn als Hauptinstanz möchte immer über die Vorgänge im Magen-Darm-Trakt informiert sein. Daher erfolgen ständig Rückmeldungen aus dem Magen-Darm-Trakt an das Gehirn. Entsprechend kann das Gehirn auch steuernd auf das enterische Nervensystem einwirken. Diese Hirn-Bauch-Achse ist jedoch anfällig für Störungen durch Stress, Ängste sowie Depressionsneigung. Dadurch werden sowohl (Miss-) Empfindungen aus dem Bauchraum verstärkt gespürt als auch Funktionsstörungen oder Reizzustände im Magen-Darm-Trakt ausgelöst. Es besteht aber auch die Möglichkeit, durch Entspannungs- und Atemübungen wie autogenes Training oder Yoga positiv auf Bauchbeschwerden einzuwirken. Auch pflanzliche Präparate wie beispielsweise Pfefferminz- und Kümmelöl oder Probiotika („gute Darmbakterien“) können beruhigend auf das enterische Nervensystem einwirken und den Reizzustand dämpfen.