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Für ein angenehmeres Leben: Therapien bei Stuhlinkontinenz - Ursachen, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten

Stuhlinkontinenz ist für viele Menschen ein Tabuthema. Betroffene schämen sich oft und trauen sich meist nicht, offen darüber zu sprechen – weder mit ihrem Arzt noch mit anderen vertrauten Personen. Aus Scham ziehen sich die Patienten häufig immer mehr zurück. Die Folge: Verlust von sozialen Kontakten und Lebensqualität. Angesichts der zahlreichen Therapiemöglichkeiten, die es heutzutage zur Behandlung der Stuhlinkontinenz gibt, muss die Krankheit nicht mehr als altersbedingte Konsequenz des Lebens akzeptiert werden. In diesem Artikel werden die verschiedenen Therapiemöglichkeiten vorgestellt und erläutert. Für jede Ausprägung der Stuhlinkontinenz gibt es die passende Behandlung!

Verbreitung: Krankheit trifft häufiger ältere Menschen und Frauen

Eine Stuhlinkontinenz ist keine seltene Erkrankung. Etwa ein bis zwei Prozent aller Menschen sind davon betroffen. Während eine Stuhlinkontinenz im jungen Erwachsenenalter eher selten ist und typische Auslösesituationen wie zum Beispiel eine Entbindung mit Verletzung des Damms, bestimmte Operationen oder Verletzungen beziehungsweise Erkrankungen im Bereich von Enddarm und Schließmuskel vorliegen müssen, nimmt die Häufigkeit der Stuhlinkontinenz mit steigendem Alter stetig zu. So ist im Alter von über siebzig Jahren etwa jeder zehnte Mensch mit den Symptomen einer Stuhlinkontinenz geplagt. Besonders gefährdet sind Frauen, da sie einen schwächeren Beckenboden haben. Die Muskulatur im Beckenboden ist weniger ausgeprägt als beim Mann, gleichzeitig treten jedoch Harnröhre, Scheide und Analkanal durch sie hindurch. Zudem kann es bei jeder Entbindung zu einer Schädigung des Beckenbodens kommen. In jungen Jahren kann dies zumeist noch kompensiert werden. Im Rahmen der altersbedingten Veränderungen des Beckenbodens ist der Verschlussmechanismus dann jedoch häufig überstrapaziert – es kann zur Inkontinenz kommen.
 


Ursachen: Meist Probleme im Enddarm oder am Schließmuskel

Als Stuhlinkontinenz bezeichnet man die Unfähigkeit, den Stuhl willentlich zurückhalten zu können. Sie kann durch eine Störung der Muskelfunktion des Schließmuskels, einem Verlust der Reservoirfunktion des Enddarms oder durch eine Störung der Nervenfunktion von Enddarm und Beckenboden bedingt sein. Klassische Ursache einer Störung der Reservoirfunktion ist eine operative Entfernung des Enddarms beispielsweise bei Krebs im Enddarmbereich. Die Reservoirfunktion ist deshalb so wichtig, weil sie dafür sorgt, dass der Enddarm den Stuhl über einen längeren Zeitraum hält. Auch Bestrahlungen im Becken oder eine chronische Entzündung des Enddarms können diese Funktion erheblich beeinträchtigen.

Eine Schwäche des Schließmuskels als Ursache einer Stuhlinkontinenz kann mechanische Ursachen wie beispielsweise Einreißen bei einer Entbindung mit Dammriss oder bei der operativen Entfernung einer Analfistel haben. Die Schädigung kann aber auch „neurogen“ bedingt sein, beispielsweise durch eine Schädigung der versorgenden Nerven bei schlecht eingestelltem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Zu Störungen der Nervenfunktion können auch Erkrankungen im Rückenmark oder im Gehirn führen – als Folge eines Schlaganfalls, einer Querschnittslähmung oder der Multiplen Sklerose.
 


Schweregrade: Vom unkontrollierten Abgang von Winden bis hin zu willkürlichem „festen Stuhl“
In Abhängigkeit vom Ausmaß der Stuhlinkontinenz unterscheidet man drei Schweregrade:

1. Bei der einfachsten Form können die Winde nicht mehr kontrolliert werden, sodass es beispielsweise beim Husten oder Aufstehen zum ungewollten Abgang kommt.
2. Schreitet die Stuhlinkontinenz voran, können Betroffene den Stuhl nicht mehr sicher zurückhalten. Das passiert, wenn die Stuhlkonsistenz eher breiig ist, beispielsweise bei einer Durchfallerkrankung.
3. In der schwersten Form kann auch normal geformter „fester Stuhl“ nicht mehr zurückgehalten werden.

Eine Sonderform der Stuhlinkontinenz stellt das sogenannte Stuhlschmieren dar. Hierbei finden sich stets geringe Stuhlreste am After oder in der Unterwäsche. Dieses Stuhlschmieren tritt häufig im Rahmen von Erkrankungen im Enddarmbereich, zum Beispiel bei Hämorrhoiden, auf.
 


Diagnostik: Je nach Symptomen und Ursachen werden unterschiedliche Methoden angewendet

Berichtet ein Patient über Symptome einer Stuhlinkontinenz, wird gezielt nach möglichen Ursachen gefragt und geklärt, wann und ob der Stuhlabgang bemerkt wird. Ferner wird der Schweregrad der Erkrankung klassifiziert (siehe oben). Die Basisdiagnostik schließt mit einer körperlichen Untersuchung ab. Dabei werden Enddarm und Schließmuskel mit dem Finger abgetastet. Liegt eine Muskelschwäche oder Muskellücke vor? Durch den Hausarzt oder niedergelassenen Gastroenterologen (Magen-Darm-Spezialist) wird dann noch eine Enddarmspiegelung (Proktoskopie) durchgeführt, um das Vorliegen von Entzündungen, Tumoren oder Hämorrhoiden abzuklären. Bei einem Alter von über fünfzig Jahren, einer Durchfallerkrankung oder vorhandenen Alarmsymptomen (z. B. Blut im Stuhl oder Gewichtsabnahme) schließt sich an die Enddarmspiegelung eine komplette Darmspiegelung (Koloskopie) an – zum sicheren Ausschluss einer Tumorerkrankung als Ursache der Stuhlinkontinenz.

Lässt sich die Stuhlinkontinenz durch diese Basisdiagnostik und eine eventuell daraufhin eingeleitete medikamentöse Therapie (siehe unten) nicht ausreichend abklären oder beseitigen, sollten sich Patienten zur Spezialdiagnostik in ein Beckenbodenzentrum überweisen lassen. Die Spezialdiagnostik umfasst die anorektale Manometrie und die anorektale Endosonografie. Bei der anorektalen Manometrie werden mithilfe eines ca. fünf Millimeter dicken, weichen Ballonkatheters der Druck im Schließmuskel, die Reservoirfunktion des Enddarms sowie die Reflexverschaltung zwischen Enddarm und Schließmuskel gemessen. Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft und innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten abgeschlossen. Bei der anorektalen Endosonografie wird eine etwa fingerdicke Ultraschallsonde über den Analkanal in den Enddarm eingeführt. Hierdurch lassen sich die Muskelstrukturen und eventuelle Risse exakt darstellen.
 


Therapieoptionen bei Stuhlinkontinenz

Zur Therapie der Stuhlinkontinenz gibt es verschiedene Optionen:

  • medikamentöse Therapien (verschiedene Wirkstoffe helfen, die Stuhlkonsistenz zu erhöhen und die Stuhlfrequenz zu vermindern)
  • krankengymnastische Übungsbehandlungen (Beckenbodentraining zur Stärkung der muskulären Kraft und der Haltefunktion des Beckenbodens)
  • Elektrostimulation
  • Biofeedbacktherapien
  • Reparaturoperationen am Beckenboden
  • Schrittmachersysteme (sakrale Neuromodulation)
  • Muskeltransplantationen
  • künstliche Schließmuskelsysteme
     

Biofeedbacktherapie

Die effektivste konservative Therapieform ist die Biofeedbacktherapie. Damit dieses Verfahren effektiv ist, wird der Patient für vier bis fünf Tage zu einer stationären initialen Anlernphase aufgenommen. Ein über den Schließmuskel eingeführter, etwa daumendicker Sensor ist mit dem Biofeedbackgerät verbunden. Dieses Biofeedbackgerät spiegelt mittels einer Leucht- und/oder Tonanzeige das Ausmaß der Kraft des Schließmuskels wider, wenn versucht wird, diesen maximal anzuspannen. Durch dieses Widerspiegeln der Kraftverhältnisse gelingt es, den Schließmuskel gezielter als bei einem Beckenbodentraining anzusprechen – durch das Biofeedback! Da der Muskelaufbau länger als vier bis fünf Tage dauert, bekommt der Patient das Gerät für drei bis sechs Monate als Heimtrainingsgerät verordnet. Bei konsequentem fünfzehn- bis dreißigminütigem Training pro Tag gelingt es bei bis zu fünfundsiebzig Prozent aller Patienten mit einer Schwäche des äußeren Schließmuskels, die Kontinenzfunktion deutlich zu verbessern.
 


Operative Eingriffe

Ergibt die Endosonografie, dass ein Riss im äußeren Schließmuskel (Externus) vorliegt, kann dieser genäht werden. Je früher die Operation nach Auftreten des Risses erfolgt, umso größer sind die Erfolgsaussichten.

Wenn die Stuhlinkontinenz nicht durch einen Riss des äußeren oder inneren Schließmuskels bedingt ist und wenn die konservativen Therapien erfolglos waren, ist die sakrale Neuromodulation das Verfahren der Wahl. Dieses Verfahren erfordert nur einen sehr kleinen operativen Eingriff. Dabei werden Stimulationselektroden an die Nervenwurzel im Kreuzbeinbereich angebracht, die den Beckenboden inklusive der Schließmuskeln mit Nervensignalen versorgen. Durch diese elektrische Unterstützung der Nervensignale wird die Schließmuskelfunktion verbessert. Dadurch wird das Zusammenspiel zwischen der Entleerungs  und der Reservoirfunktion des Enddarms optimiert. Die Energie für die elektrische Stimulation kommt aus einem kleinen Schrittmacher, der im Beckenbereich unter der Haut eingesetzt wird. Je nach Ausmaß der Stimulation ist dabei nach fünf bis sieben Jahren ein Batteriewechsel im Rahmen eines erneuten kleinen Eingriffs notwendig.

Großer Vorteil der sakralen Neuromodulation ist, dass die Methode vor der endgültigen Operation in einer Testphase ausprobiert werden kann. In diesem etwa dreiwöchigen Zeitraum werden nur die Elektroden gelegt und durch die Haut mit dem Schrittmacher verbunden (geschützt durch einen Klebeverband). Der Patient verlässt dann das Krankenhaus und geht in seine gewohnte häusliche Umgebung zurück. Die einzige Einschränkung: Er darf in dieser Phase nicht duschen. Mithilfe eines Tagebuchs kann dann nachvollzogen werden, ob die Stuhlinkontinenz durch das Gerät wie gewünscht verbessert wird. Bei entsprechender Besserung wird in einem zweiten kleinen Eingriff der Schrittmacher endgültig implantiert.

„Haben Sie spezielle Fragestellungen wie beispielsweise zum Thema Sport, Schwangerschaft oder bestimmte medizinische Untersuchungen mit dem Kreuzbeinschrittmacher, stehen wir Ihnen im Rahmen der Sprechstunde natürlich jederzeit gerne zur Verfügung.“ (Prof. Dr. Christian Pehl)
 

Patienten mit implantiertem Kreuzbeinschrittmacher werden regelmäßig in einem Beckenbodenzentrum oder Krankenhaus betreut, gegebenenfalls auch durch einen Mitarbeiter der Herstellerfirma zu Hause. Das ist deshalb wichtig, da der Kreuzbeinschrittmacher ohne erneute Operation von außen mittels eines Telemetriegeräts optimiert werden kann und muss – genauso wie man es auch regelmäßig bei einem Herzschrittmacher durchführt.

Vielen Menschen fällt es schwer, über Themen wie Stuhlinkontinenz zu sprechen. Die Zeiten, in denen eine Stuhl  oder auch Urininkontinenz als altersbedingt hingenommen werden mussten, sind jedoch endgültig vorbei. Im Beckenbodenzentrum Vilsbiburg stehen viele konservative sowie operative Therapien zur Verfügung. Dadurch gelingt es in den meisten Fällen, die Stuhlinkontinenz deutlich zu bessern oder die Haltefunktion sogar vollständig wiederherzustellen.


„Wenn Sie betroffen sind, versuchen Sie, Ihre Angst vor einem Gespräch mit dem Arzt zu überwinden. Denn: Im interdisziplinären Austausch entwickeln wir gemeinsam ein individuelles Konzept in Form einer Stufenleiter. Dabei wird mit der einfachsten nicht operativen Maßnahme begonnen. Die nächste Stufe kommt nur infrage, falls sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt. So erhalten Sie bald Ihre Lebensqualität zurück.“ (Prof. Dr. Christian Pehl)