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Erkrankungen rund um Gallenwege und Gallenblase

Wenn die bitteren und unangenehmen Seiten des Lebens thematisiert werden, kommt häufig die Galle ins Spiel. Sprichwörtlich „kommt einem die Galle hoch“, man „spuckt Gift und Galle“ oder hat „Galle im Herzen – Honig im Mund“. Ja, die Galle kommt im Volksmund unverdientermaßen schlecht weg. Was daran liegen mag, dass wir Gallenflüssigkeit und -blase erst bemerken, wenn sie erkrankt sind. Dabei leisten beide jeden Tag wichtige Dienste für unseren Stoffwechsel.

Funktion der Gallenblase

Die Gallenblase liegt unter dem rechten Rippenbogen und ist ein birnenförmiges Säckchen. Sie kann rund fünfzig Milliliter der zähflüssigen Gallenflüssigkeit speichern, die in den Leberzellen gebildet wird und über die Gallenwege in den Zwölffingerdarm gelangt. Die Mündung der ableitenden Gallenwege liegt im Zwölffingerdarm, dem obersten Teil des Dünndarms kurz nach dem Magenpförtner. Wurde die Gallenblase entfernt, können die ableitenden Gallenwege durch eine Aufweitung die Vorratsfunktion der Gallenblase übernehmen. 

Wichtig ist die Gallenflüssigkeit für die Fettverdauung. Die in der Gallenflüssigkeit enthaltenen Gallensalze lösen zum Beispiel Fette und fettlösliche Vitamine auf – ähnlich wie Seife. Aus der Leber wird zudem der Gallenfarbstoff in die Galle ausgeschieden, der die charakteristische Farbe des Stuhls verursacht. Ist der Stuhl entfärbt und lehmfarben, kann dies ein Indiz dafür sein, dass eine Cholestase – ein Gallenaufstau – vorliegt. Cholesterin sowie Abbauprodukte von Medikamenten gelangen ebenfalls aus der Leber in die Galle. Und auch Bilirubin, ein Abbauprodukt des Bluts, das der Galle ihre gelbliche Farbe gibt, nimmt diesen Weg. Kommt es aufgrund eines Abflusshindernisses zu einem Gallenaufstau, nimmt die eingedickte Gallenflüssigkeit eine grünlich-schwarze Farbe an. In der Antike wurde dieser Vorgang übrigens als Ursache für Melancholie gesehen, was noch heute im Wortstamm erkennbar ist. Die schwarze Trübsal auslösende Galle bezeichnete der griechische Arzt Hippokrates von Kos als „mélaina cholé“.
 


Erkrankungen der Gallenwege und -blase

Die häufigste Erkrankung im Bereich der Gallenwege ist die Entstehung von Gallensteinen, die sich meist in der Gallenblase oder im Gallengang bilden können. Sie entstehen oft durch einen vermehrten Anteil von Cholesterin in der Gallenflüssigkeit. Das Mengenverhältnis der wichtigsten Bestandteile der Gallenflüssigkeit – Lecithin, Gallensalze und Cholesterin – darf sich nur in engen Grenzen ändern, sonst kristallisiert das Cholesterin aus, und es kommt zur Bildung von Cholesterinsteinen.

In der westlichen Welt sind Gallenblasensteine häufig. Je nach Alter und Geschlecht haben sie zwischen fünf bis zwanzig Prozent der Bevölkerung. Oft sind jedoch Frauen und generell ältere Menschen betroffen. Die meisten „Steinleiden“ werden kaum wahrgenommen, da sie im gesamten Leben keine Beschwerden verursachen – nur jeder fünfte Steinträger bemerkt seine Steine in der Gallenblase. Wer allerdings einmal unter Beschwerden gelitten hat, ist in den nächsten Jahren anfälliger für weitere Symptome oder gar Komplikationen. Steine im Gallengang führen wesentlich häufiger zu Komplikationen, jeder Zweite ist betroffen. In Verbindung mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung (biliäre Pankreatitis) kann das in seltenen Fällen sogar lebensgefährlich sein.
 


Gallensteine

In der Gallenblase entstehen die Gallensteine immer einzeln und werden deshalb Solitärstein genannt. Mitunter bilden sich auch viele einzelne Gallensteine – manchmal sogar fünfzig bis sechzig Stück.
 


Je kleiner sie sind, desto gefährlicher sind sie. Denn diese kleinen Steine können sich im Ausführungsgang der Gallenblase, dem Ductus cysticus, oder an der Mündung in den Zwölffingerdarm, der Papilla duodeni major, verklemmen. Dies kann zu rechtsseitigen starken, kolikartigen Oberbauchschmerzen führen. Auch unter dem rechten Rippenbogen können dumpfe und drückende Schmerzen auftreten, die bis in die rechte Schulter spürbar sind. Im englischsprachigen Raum spricht man hierbei von „biliary colic“, obwohl es sich eigentlich um einen dumpfen Dauerschmerz über dreißig bis sechzig Minuten handelt und nicht um einen kolikartigen Schmerz. Es kommt aber auch vor, dass Betroffene völlig beschwerdefrei bleiben.

Wird der Gallenfluss durch Gallensteine behindert, kann es zu einer bakteriellen Entzündung mit der Gefahr der Eiterbildung in der Gallenblase (Empyem) und einer Blutvergiftung (Sepsis) kommen. Verstopft ein Steinchen die Mündung des Gallengangs in den Zwölffingerdarm (Duodenum), kommt es zum Gallenaufstau (Cholestase). Folgen können Störungen bei der Fettverwertung, Gelbsucht (Ikterus) und eine lehmfarbene Entfärbung des Stuhls sein. Da bei den meisten Menschen Gallen- und Bauchspeicheldrüsengang gemeinsam münden, kann es auch zu einer Verstopfung des Bauchspeicheldrüsengangs (Pankreasgang) kommen. In diesem Fall ist eine Bauchspeicheldrüsenentzündung nicht ungewöhnlich.

 


Diagnostik und Therapie

Bei Menschen mit Völlegefühl, Übelkeit, rechtsseitige Oberbauchschmerzen, gürtelförmigen Schmerzen, einer Gelbfärbung der Augen oder einer lehmfarbenen Entfärbung des Stuhls liegt die Ursache häufig in einer Erkrankung im Bereich der Gallengänge oder der Bauchspeicheldrüse. Meist bestätigen eine Labor- und eine Ultraschalluntersuchung des Bauchbereichs den Verdacht recht schnell, und der Betroffene wird anschließend zu einem Spezialisten geschickt. Dort wird durch eine Endosono- oder Kernspintomografie festgestellt, wo die Steinchen genau sitzen: Sind die Steine in der Gallenblase und haben zu einer Entzündung der Gallenblasenwand geführt, wird die entzündete Gallenblase entweder sofort operiert oder zunächst konservativ mit Medikamenten wie Schmerzmitteln und Antibiotika behandelt. Nach Abheilen der Entzündung sollte die Gallenblase vor einem erneuten Steindurchtritt am besten minimalinvasiv – also per Schlüssellochtechnik mit kleinstem Einschnitt – entfernt werden. In der medizinischen Fachsprache spricht man hier von einer laparoskopischen Cholezystektomie.

Wurden dagegen Steine im Gallengang nachgewiesen, müssen diese vor einer laparoskopischen Cholezystektomie entfernt werden. Dies kann heute endoskopisch über den Mund und ohne Bauchschnitt durchgeführt werden. Dabei wird der Gallengang über kleine Katheter mit Kontrastmittel angespritzt, was die Steine auf dem Röntgenbild sichtbar macht. Dieses Verfahren nennt man endoskopisch retrograde Cholangiopankreatikografie (ERCP). Unter Einsatz kleinster Hilfsmittel wie Drähten und Körbchen können die Steine über die Papille, also die gemeinsame Mündung von Gallen- und Bauchspeicheldrüsengang, entfernt werden. Große Steine, die auch schon einmal den ganzen Gallengang verlegen können, werden mit elektrohydraulischen Stoßwellen zertrümmert. Liegt eine entzündliche Schwellung der Papille vor, wird vorübergehend eine Prothese eingelegt, um einen Rückstau der Gallenflüssigkeit zu vermeiden.
 

"Die Endoskopie und der innere Ultraschall sind hervorragend geeignet, um die genaue Ursache von Oberbauchbeschwerden zu erkennen. Steine im Gallengang können heute mit einem über den Mund eingeführten Endoskop aus dem Gallengang beseitigt werden. Bei nachrutschenden Steinen aus der Gallenblase entfernt ein Chirurg die Gallenblase minimalinvasiv mittels Schlüssellochchirurgie. Größere Operationen sind mittlerweile kaum noch nötig, was die Belastung für Betroffene erheblich mindert.“ (PD Dr. Bruno Neu)