Ursachen neurogastroenterologischer Erkrankungen

Funktionsstörungen des Magen-Darm-Traktes können alle Abschnitte von der Speiseröhre über den Magen, Dünn- und Dickdarm bis zum Enddarm/Afterschließmuskel betreffen. Die Störungen können dabei isoliert oder kombiniert auftreten. Es handelt sich insgesamt um sehr häufige Erkrankungen. Symptome neurogastroenterologischer Erkrankungen finden sich bei etwa einem Viertel bis einem Drittel aller Menschen. Die Beschwerdestärke reicht dabei von gelegentlichen Befindlichkeitsstörungen bis hin zu einer schweren täglichen Symptomatik mit erheblicher Beeinträchtigung der Lebensqualität.

Den neurogastroenterologischen Erkrankungen liegen Störungen im geordneten Zusammenspiel zwischen den Schleimhaut- (Epithelzellen), Immun-, Mast- sowie  Nervenzellen des Magen-Darm-Traktes zugrunde. Die Zahl der Nervenzellen des enterischen Nervensystems (ENS) übertrifft sogar die Zahl der Nervenzellen im Gehirn, was die Komplexität der notwendigen Steuerungsmechanismen aufzeigt und die Möglichkeit mannigfaltiger Funktionsstörungen erklärt. Das ENS ist dabei über zahlreiche Nervenbahnen z.B. den Nervus vagus oder das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden. Dadurch werden zum einen Funktionsstörungen und Schmerzen bewusst. Zum andern kann aber auch das Gehirn Funktionsstörungen auslösen oder in ihrem Schweregrad beeinflussen z.B. im Rahmen von (chronischem) Stress, bei Depression oder psychosomatischen Störungen.

Die Vermittlung der Informationen zwischen den Zellen der Darmwand erfolgt über Botenstoffe z. B. Serotonin. Eine Über- oder Unterproduktion von Serotonin kann mit Diarrhoe oder Obstipation einhergehen. Weitere Botenstoffe die zur Störung des Funktionsablaufes im Magen-Darm-Trakt beitragen können sind z.B. TRPV1, Histamin, Proteasen sowie Entzündungsmediatoren z.B. TNFa.

Aber auch äußere Einflüsse u.a. Nahrungsunverträglichkeiten, bakterielle Fehlbesiedelungen des Darmes oder Infektionen können zum Auftreten neurogastroenterologischer Erkrankungen beitragen oder den Schweregrad beeinflussen. So kann sich ein Reizdarmsyndrom im Anschluss an einen bakteriellen Magen-Darm-Infekt wie z.B. eine Salmonelleninfektion entwickeln. Hier persistiert eine Mikroentzündung, die zu einer Störung im neuroimmunologischen Regelkreis des Magen-Darm-Traktes führt.

Typisch für die neurogastroenterologischen Erkrankungen ist, dass, auch bei einer Persistenz einer Mikroentzündung „übliche Untersuchungsmethoden“ wie Magen-Darm Spiegelung inklusive Probenentnahmen, Ultraschalluntersuchungen sowie Entzündungszeichen im Blut keinen auffälligen Befund ergeben. Dadurch wurden diese Erkrankungen häufig als „belanglose“ Befindlichkeitsstörung oder „psychische“ Erkrankungen eingestuft. Ohne sinnvolle Diagnostik und ein individuelles Therapiekonzept müssen die Patienten mit ihren Beschwerden leben oder wiederholt Magen-Darm Spiegelungen ohne Ergebnis über sich ergehen lassen.