Elf Gründe für eine Psychotherapie

Wenn Sie schon länger über eine Psychotherapie nachdenken, kann Ihnen dieser Artikel möglicherweise bei der Entscheidungsfindung helfen. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz bis zu 20 Wochen. Diese schweren Wochen ohne den benötigten Behandlungsplatz können Ihre Therapiemotivation negativ beeinflussen. Dennoch möchte ich Sie ermutigen, „am Ball zu bleiben“.


Grund 1: Veränderungen

Was passiert, wenn Sie einen neuen Job begonnen haben, Sie ein Kind erwarten oder wenn sich Ihr/e Partner/in von Ihnen getrennt hat? Es verändert sich sehr viel in Ihrem Leben. Veränderungen schaffen Unsicherheit und Ängste. Lassen sich unsere Pläne und Vorstellungen nicht wie geplant realisieren, kann das dauerhaften körperlichen und psychischen Stress verursachen. Dieser sogenannte Distress kann nachweislich gesundheitsschädigend sein. In der Therapie können Sie neue Sicherheit gewinnen und Sie werden dabei unterstützt, Negatives in etwas Positives, mit Perspektive, zu verwandeln.


Grund 2: Schwangerschaft

In einer Schwangerschaft befindet sich der weibliche Körper in einer starken Veränderungsphase. Der Progesteronspiegel steigt um das zehn- bis 15-fache an und auch der Östrogenanstieg ist sehr hoch. Diese hormonellen Veränderungen haben laut Studien u.a. Auswirkungen auf unsere Herzleistung, Blutvolumen sowie Resorption von Nährstoffen im Darm und Stoffwechsel. Darüberhinaus beeinflussen Hormone neben den körperlichen Vorgängen vor allem auch psychische Prozesse. Die schwangere Frau möchte sich bestmöglich und verantwortungsbewusst bewegen und ernähren sowie grundsätzlich im Alltag verhalten. Dieser eigene Anspruch und gesellschaftliche Erwartungshaltungen können eine Schwangere verunsichern, verängstigen und die Stimmung herabsetzen. Während der Schwangerschaft braucht es eine intensive Betreuung, die zwar seitens der Angehörigen übernommen werden kann, aber ebenso wie eine umfangreiche, professionelle Begleitung von Hebammen und Gynäkologen manchmal nicht ausreicht. Die klinische Erfahrung zeigt, dass schwangere Frauen oftmals mit ihren Gefühlen allein sind, sich nicht trauen, negative Emotionen zu kommunizieren oder ihre Angst oder Niedergeschlagenheit angemessen einordnen können.


Grund 3: Trauer

Nach dem Tod einer nahestehenden Person ist die Trauerbewältigung oft schwer. Viele Menschen durchlaufen, unabhängig von ihrer Reihenfolge, die bekannten Phasen der Trauer: Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. In der Therapie werden Trennungskonflikte identifiziert und gelöst, welche die Bewältigung von Traueraufgaben (z.B. Akzeptanz, Anpassung) verhindern.


Grund 4: Beziehungsprobleme

Kritik, Forderungen, Streit, Bedürfnisse, Routine, Ablehnung sind in den meisten freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen bekannt. Jede Person wurde mit mindestens einem dieser Themen bereits konfrontiert. Unglücklich in einer Beziehung sind in Deutschland ca. 52% der Menschen. 39% der Menschen berichten von einer ambivalenten Partnerschaft. Wenn eines der o.g. Themen ein Problem in der Beziehung schafft, kann daraus ein unlösbarer Konflikt entstehen. In einer Therapie können durch die Anwesenheit einer/s Therapeutin/en die gemeinsame Kommunikation, Lob und Anerkennung neu erlernt und eigene (Re-)Aktionen verstanden werden.


Grund 5: Burnout

Nachlassende Leistungsfähigkeit, Rückzug, Innere Leere, Sinnverlust, Gleichgültigkeit und Zynismus, aber auch anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, Schlafstörungen, sexuelle Probleme, Kopf- und Rückenschmerzen sind alarmierende Symptome einer chronischen Überlastung des Körpers. Für den Begriff „Burnout“ gibt es keine einheitliche Definition. Ein Burnout beschreibt einen aktuellen Zustand der Überlastung durch Stress, Druck sowie Hilfs- und Perspektivlosigkeit. Aber auch Depressionen und viele weitere physische oder psychische Erkrankungen können die Ursache für einen Burnout darstellen. Was können Sie tun, wenn Sie den Verdacht haben, an einem Burnout zu leiden? Sollten Sie einige der genannten Symptome an sich selbst feststellen, so erläutern Sie dies Ihrem Hausarzt. Er wird Ihre gegenwärtige Situation mit Ihnen besprechen und körperliche Ursachen ausschließen können. Anschließend kann im Bedarfsfall eine Überweisung an einen Psychologen, Psychiater oder Psychotherapeuten erfolgen. Haben Sie den Verdacht, dass Ihr/e Partner/in, ein/e Freund/in oder ein/e Kollege/in von einem Burnout betroffen sein könnte, so sprechen Sie die betreffende Person freundlich an und bieten Ihre Unterstützung an.


Grund 6: Identitätsfindung

Identitas bedeutet auf Latein „derselbe“. Ungeklärte Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was will ich werden?“, „Wie will ich leben?“, „Wie kann ich meine Träume realisieren?“oder „An was kann ich glauben?“ können in einer Psychotherapie besprochen werden. Auch kann die Identitätssuche im Lebensverlauf Konflikte verursachen, wobei eine Therapie maßgeblich unterstützen kann.


Grund 7: Eigene Unzulänglichkeit

Durch hohe gesellschaftliche und mediale Ansprüche hinterfragen viele Menschen die eigene Selbstwirksamkeit und schätzen diese oft als eigene Unzulänglichkeit ein. Menschen mit einem selbstunsicheren Persönlichkeitsstil – der einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung ähnelt, aber weniger stark ausgeprägt ist – sind selbstkritisch und eher vorsichtig und zurückhaltend. Sie reagieren sensibel auf Kritik und Zurückweisung und neigen dazu, ihre eigenen Erwartungen und Vorstellungen zu verändern, wenn andere Menschen andere Einstellungen haben. Weil sich die Betroffenen nicht in den Vordergrund drängen, verlässlich sind und sich bei Konflikten um Ausgleich bemühen, finden die eigenen Emotionen und Ansichten selten Gehör. In einer Therapie können Selbstwert, Selbst-Mitgefühl, Achtsamkeit und Akzeptanz eine entscheidende Rolle einnehmen.


Grund 8: Persönlichkeitsstörungen

Unter der Persönlichkeit eines Menschen versteht man zeitlich überdauernde Muster des Verhaltens und Erlebens einer Person. Menschen unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, was zur Vielfalt in der Gesellschaft beiträgt. Man spricht von Persönlichkeitsstörungen, wenn sich Verhaltens- und Erlebensmuster entwickelt haben, die merklich von den sozialen Regelungen und Erwartungen der Umwelt abweichen und die mit (meist ungünstigem) Verhalten einhergehen. Diese Erlebens- und Verhaltensweisen führen somit entweder bei der Person selbst oder aber bei den Interaktionspartnern zu bedeutsamem Leid oder zu wesentlichen Einschränkungen (z.B. im sozialen oder beruflichen Bereich).


Grund 9: Gewalt

Sexuelle, häusliche oder emotionale Gewalt kann schwere Traumata auslösen. Diese kann unbewusst oder bewusst wahrgenommen und verarbeitet werden und zu anhaltenden Flashbacks, Albträumen und/oder sozialen Einschränkungen führen. Bei dieser Art von Erfahrung gibt es neben dem Termin bei einem Psychologen auch eine 24-stündige Telefonseelsorge unter 0800-1110111 oder 0800-1110222.


Grund 10: Angst

Die Angst gehört neben Wut, Interesse, Ekel, Überraschung, Freude und Traurigkeit zu den sieben Grundemotionen. Angst und Schrecken sind Emotionen, die uns vor möglichen Gefahren bewahren und beschützen. Bei der nicht funktionalen Verarbeitung von irrationalen Ängsten kann eine Angststörung entstehen. Etwa zehn bis 14 Prozent der Deutschen leiden unter einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Jede vierte Person zeigt im Laufe ihres Lebens Symptome einer Angsterkrankung. Ängste können auch als Begleiterscheinung von anderen Erkrankungen, z. B. bei Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Asthma auftreten und stehen häufig im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen.


Grund 11: Krankheit

Bei der Diagnose einer ernsthaften Erkrankung (bei einem selbst oder Angehörigen) löst dies im ersten Moment einen psychischen Schock mit begleitenden Emotionen wie Angst, Trauer, Wut aus. Laut meinen Patienten treten zuerst folgende Stichworte in den Vordergrund: Familie, Schock, Partnerschaft, Sinnfindung, medizinische Behandlungen, Hilflosigkeit, Zukunft, Unsicherheit, Überforderung, Träume, ungewollte Konfrontationen, körperliche Veränderungen, Verzweiflung, Intimität, Trauer und Wut, berufliche Veränderungen, Alltagsbewältigung, Freunde. Wenn das menschliche Gehirn mit der gedanklichen Verarbeitung und emotionalen Regulierung überlastet ist, tritt ein psychischer Schockzustand ein. Diese Krise bzw. der Verlust des seelischen Gleichgewichts ist akut, überraschend und bedrohlich und kann in einer begleitenden Therapie behandelt werden.