Die Psyche bei vorzeitigen Schwangerschaftsabbrüchen und Fehlgeburten

In der heutigen Zeit lässt sich durch spezielle Tests immer früher und immer genauer sagen, ob und seit wann eine Frau schwanger ist. Viele Frauen und auch Männer bauen bereits ab dem positiven Schwangerschaftstest eine sehr enge Bindung zu ihrem ungeborenen Kind auf - umso schmerzlicher ist der Verlust des Kindes durch einen vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch. Insgesamt enden ca. 15 – 20 % aller Schwangerschaften vorzeitig.

Ab der 23. Schwangerschaftswoche und ab 400 Gramm Geburtsgewicht gilt ein Kind medizinisch als lebensfähig. Findet die Geburt nach diesem Zeitpunkt statt, so wird dies als Frühgeburt bezeichnet. Stirbt das Kind bereits im Mutterleib, spricht man von einer Totgeburt. Ereignet sich der Verlust innerhalb des ersten Trimesters, so spricht man von einem Frühabort, während der 14. und 24. Schwangerschaftswoche von einem Spätabort. 

Es gibt viele verschiedene Gründe für ein vorzeitiges Ende der Schwangerschaft, am häufigsten sind fehlerhafte Zellteilungen, die eine Weiterentwicklung des Embryos nicht ermöglichen. Auch Infektionen oder Immunreaktionen der Mutter können mögliche Gründe sein. Nur selten stecken ernsthafte Erkrankungen hinter einem vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch.


Auswirkungen auf die Psyche

Eine Schwangerschaft ist oft mit starken Emotionen und existenziell wichtigen Motiven verbunden. Die Frühschwangerschaft ist für viele Frauen eine sehr vulnerable Lebensphase, da sie miteiner Vielzahl an körperlichen, emotionalen und kognitiven Veränderungen einhergeht. Der Verlust des ungeborenen Kindes stellt ein traumatisches Ereignis sowohl für Frauen als auch für ihre Partner dar. Daher ist es wichtig, dass eine adäquate Verarbeitung der Geschehnisse stattfindet und die Betroffenen von ihrem Umfeld und auch vom medizinischen Personal ernst genommen werden. Wie schlimm der Verlust erlebt wird, ist sehr unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren wie Alter, Lebensumständen oder Anzahl vorangegangener Schwangerschaften ab. Und auch Männer leiden. Sie leiden zusätzlich zu dem Verlust des Kindes meist auch unter dem Zustand ihrer Partnerinnen, versuchen oftmals für die Frau der starke Gegenpol zu sein und möglichst schnell in einen normalen Alltag überzugehen. 

Trauer als Emotion auf den Verlust des Kindes ist erst einmal eine vollkommen natürliche Reaktion und keinesfalls pathologisch. Ist die Trauer jedoch ungewöhnlich intensiv, besteht über einen sehr langen Zeitraum, ist verschoben oder inhibiert, so wird dies als pathologische Trauerreaktion bezeichnet. Im Kontext eines vorzeitigen Verlustes des Kindes kann sich dies wie folgt äußern:

  • Zwanghafte Beschäftigung mit Gedanken an das verlorene Kind
  • Halluzinatorische Empfindungen („leere Arme“)
  • Verärgerung gegenüber dem klinischen Personal oder der eigenen Familie
  • Schuld- und/oder Versagensgefühle
  • Verzweifelte Suche nach Erklärungen
  • Erleben negativer Gefühle beim Anblick lebender Babys

Unter anderem begünstigen folgende Risikomerkmale eine gravierende Trauer nach einer Fehlgeburt:

  • Zwiespältigkeit gegenüber der Schwangerschaft (Risikoverhalten, Unsicherheit gegenüber dem Kinderwunsch)
  • Hohe Belastung bereits während der Schwangerschaft
  • Frühere Fehl- oder Totgeburten
  • Bereits vorhandene ungelöste Verlusterfahrungen (Tod der Eltern, Verluste als Kind o.ä.)
  • Mangelndes Verständnis im sozialen Umfeld/fehlende Möglichkeit sich einer anderen Person anzuvertrauen
  • Psychopathologische Vorbelastung (frühere depressive Episoden, Ängste)

Aus klinischer Sicht werden verlängerte und intensivierte Trauerreaktionen als Anpassungsstörung bezeichnet. Eine Anpassungsstörung bezeichnet nach internationalem Klassifikationssystem (ICD-10) „Zustände von subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung, die im Allgemeinen soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach belastenden Lebensereignissen auftreten“. Bleibt eine Anpassungsstörung wiederum unerkannt oder unbehandelt, so entwickelt sich daraus in den meisten Fällen eine depressive Störung (siehe Artikel Depression). 

Erfolgt keine adäquate Verarbeitung der Geschehnisse und bleiben daraus entstehende psychische Störungen unbehandelt, so kann sich dies auf die Qualität der Beziehung zu nachfolgend geborenen Kindern auswirken. Um die eigene Lebensqualität wiederherzustellen und Folgeschäden aus dem traumatischen Verlust des Kindes zu vermeiden, sollte daher auf alle Fälle auf eine angemessene Verarbeitung der Geschehnisse, Unterstützung von außen sowie die Beobachtung des eigenen Gemütszustandes erfolgen.

Abschließende Bemerkungen:
Alle Gefühle wie Angst, Wut, Verzweiflung und Schuld sind, zeitlich begrenzt, normal in einer solchen Situation. Wichtig ist: Sie dürfen nicht ignoriert oder bagatellisiert werden. Es kann mehrere Monate dauern, bis der Schmerz und die Trauer erträglicher werden und abflachen. Sollten Sie jedoch das Gefühl haben, Ihre Trauer nicht überwinden zu können oder große Angst vor einer erneuten Schwangerschaft haben, so suchen Sie bitte psychologische Unterstützung auf, um einer Entstehung von Depressionen oder einer Angststörung entgegenzuwirken (siehe Artikel Psychotherapie). Auch eine Paartherapie kann hilfreich sein, besonders wenn die Partner sehr unterschiedlich mit dem Verlust umgehen.


Was kann ich tun, um einen Verlust besser zu verarbeiten?

Jeder geht mit einem traumatischen Ereignis anders um und jedem helfen dabei andere Dinge. Folgendes kann dabei helfen den Verlust zu verarbeiten:

  • Psychotherapeutische Behandlung in Erwägung ziehen
  • Über die Trauer sprechen, z.B. mit dem Partner, der eigenen Mutter oder einer/m guten Freund/in
  • Tagebuch schreiben
  • Ein/e Geschichte/Gedicht verfassen
  • Erinnerungen aufheben, z.B. ein Ultraschallfoto oder ein bereits gekauftes Kleidungsstück
  • Einen Baum oder Blumen pflanzen
  • Sich mit anderen Betroffenen austauschen
  • Eine Selbsthilfegruppe besuchen

Weitere Hilfe finden Sie unter anderem auf folgenden Seiten:

www.schmetterlingskinder.de  (http://www.schmetterlingskinder.de)
www.initiative-regenbogen.de  (http://www.initiative-regenbogen.de)


Weitere Informationen finden Sie unter:

https://www.gynaekologische-psychosomatik.de/themen/nach-fehl-oder-totgeburt 
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/frau8.html 
https://www.stern.de/gesundheit/totgeburt--wenn-eltern-ihr-ungeborenes-kind-verlieren-6607564.html  (https://www.stern.de/gesundheit/totgeburt--wenn- elternihr-ungeborenes-kind-verlieren-6607564.html)
https://almutdorn.de/wp-content/uploads/2011/01/Info_Fehlgeburt.pdf 
https://www.welt.de/gesundheit/article152167357/Jede-dritte-Schwangerschaft-endet-mit-dem-Abort.html 
https://www.eltern.de/schwangerschaft/5-15-woche/fehlgeburt.html


Quellen:

Berth, Hendrik; Puschmann, Anne-Katrin; Dinkel, Andreas; Balck, Friedrich (2009): Trauma Fehlgeburt--Einflussfaktoren auf das Angsterleben nach dem frühen Verlust eines Kindes. In: Psychotherapie, Psychosoma0k, medizinische Psychologie 59 (8), S. 314–320. DOI: 10.1055/s-2008-1067540.
 
Scheidt, Carl Eduard; Waller, Nicola; Wangler, Jutta; Hasenburg, Anette; Kersting, Anette (2007): Trauerverarbeitung nach Prä- und Perinatalverlust--Prävalenz, klinisches Bild und Behandlung--eine Ubersicht über den aktuellen Forschungsstand. In: Psychotherapie, Psychosomatik, medizinische Psychologie 57 (1), S. 4–11. DOI: 10.1055/s-2006-951906.